Beiträge von Dschinn

    Taylor sprang sofort auf, als die Entscheidung getroffen war. Der halb ausgetrunkene Soykaf war vergessen und verblieb einsam auf dem sich schnell leerenden Konferenztisch. Ihr Einsatz stand unmittelbar bevor! Er lief unmittelbar hinter Caldwell auf die Tür des Besprechungsraumes zu, nur Nightingale war noch schneller und stabilisierte die geöffnete Tür vor ihm, damit sie nicht wieder zufallen konnte.


    Der Expresslift brauchte nur Sekunden, um sie auf das Dach zu bringen, aber für diesen Moment ruhig stehenzubleiben fiel Taylor enorm schwer. Die Zeit bis zum Öffnen der Aufzugstüren schien sich zu Minuten auszudehnen. Endlich sprangen die Türen, begleitet von einem sanften Ping, auf. Taylor stürmte mit dem Team nach draußen und schnappte sich im Vorbeigehen die Duffelbag mit seiner Ausrüstung, nebst dem obenauf befestigen XM30-Sturmgewehr von HK. Als Pilot trug er standardmäßig immer seinen gepanzerten Pilotenanzug mit der Underarmor, da sich nun einmal schlecht auf dem Flug umziehen konnte. So musste er aber praktischerweise nur die superkompakte Ingram Smartgun X Maschinenpistole, deren Schulterstütze für ihn entfernt worden war, aus der Tasche ziehen und in das Schnellzieh-Holster an seinem rechten Oberschenkel einrasten lassen. Klick. Er war bereit.


    Bei Taylors Annäherung begann die Vektorschubmaschine noch einmal mit einem respekteinflößenden Surren die Turbinen zu testen, um die optimale Betriebstemperatur schon zu erreichen, bevor sie abhoben. Und dafür würden sie sehr bald bereit sein. Er sprang in das Passagierabteil der Ares Venture und ging sofort nach vorne in das Cockpit, wo er seine Einsatztasche unter dem Pilotensitz verstaute und sich den Pilotenhelm griff. »Alle da?« sendete er über das Netzwerk des Teams, während er sich in den Sitz fallen ließ. Sobald er den Helm aufgesetzt hatte, schoss der Autopilot die Elemente des 5-Punkt-Gurtes aus der Verkleidung des Pilotensitzes und zog die karbonfaserverstärkten Gurte fest, als sie vor ihm eingerastet waren. In seiner AR ordneten sich eine Reihe Diagramme und Checklisten, die ihm detaillierte Informationen über den Status ihres Thunderbirds bereitstellten. Leuchtendblaue Linien zeichneten vor ihm den Abflugvektor in den grauen Himmel. Taylor öffnete einen weiteren Kanal zu Air-Dispatch. »Shepherd One. Freigabe zum Abheben von Pad 6.«

    Taylor spürte, wie sich unvermittelt sämtliche kleinen Härchen in seinem Nacken aufzustellen schienen, als der plötzliche Einsatzalarm zu einer ordentlichen Adrenalinausschüttung führte, dessen Auswirkungen auf seinen Blutkreislauf sein integraler Vitalmonitor in Taylors AR schematisch mit einer steil ansteigenden Kurve darstellte. Instinktiv schaltete er den Aufmerksamkeitsbooster zu, um seine Wahrnehmung des Lagebilds noch weiter zu schärfen.


    In der Welt der bewaffneten Notfallrettungsdienste waren 12 Minuten eine Ewigkeit und der Einsatzort befand sich genau hier in den Docklands. Fairfax würde sie einsetzen müssen, erkannte Taylor, nicht eingespieltes Team hin oder her. Kämen sie so dicht an ihrer brandneuen Niederlassung viel zu spät zu einem Einsatzort und verlören vielleicht sogar den Patienten, wäre das für DocWagon ein mediales Desaster allergrößten Ausmaßes. BuMoNa würde die Öffentlichkeit das nicht vergessen lassen, denn womöglich könnten sie ihren größten Konkurrenten damit direkt wieder aus dem Markt drängen.


    Gedankenschnell verband sich Taylors modifiziertes Transys Avalon Kommlink mit der Ares Venture, die im Wartungsmodus auf Landepad 6 ruhte. Er versetzte die gepanzerte Vektorschubmaschine in den Bereitschaftsmodus und verfolgte einige Sekunden, wie sich die Versorgungsleitungen für die Treibstoffaufnahme und die Energieversorgung trennten und das halbe Dutzend handtellergroßer Reinigungsdrohnen in die Wartungsschächte unter dem Pad zurückgeschickt wurden. Der leistungsfähige Autopilot der Venture checkte bereits alle Bordsysteme und begann mit dem Vorlauf der Turbinen. In zwei Minuten würden sie abflugbereit sein.


    »Delta Victor Four Two, Abflugbereitschaft in 120 Sekunden. Warte auf Einsatzfreigabe«, sagte er laut mit einem offenen Kommunikationslink zu Air-Dispatch. Als er fragend zu Fairfax aufblickte, streifte er für einen Wimpernschlag den Blick seiner neuen Bodeneinsatzleiterin, Mira, rief er sich ins Gedächtnis, und glaubte Zustimmung in ihren Augen gesehen zu haben. »Sir, haben wir Einsatzfreigabe?«, fragte Taylor ruhig

    Mit schnellen Schritten nahm Taylor die Treppe hinauf zum Einsatzbesprechungsraum A, in welchem Jonathan Fairfax in Kürze sein neues Team in Dienst stellen würde. Die Bewegung half ihm seinen Ärger abzubauen. Gerade erst hatte er erfahren, dass sich beim Equipment-Check der aus Atlanta gelieferten Riggerkonsolen herausgestellt hatte, dass deren Kommunikationsarchitektur funktionsuntüchtig gefertigt worden war, was die Verschlüsselung völlig unbrauchbar machte. Die Geräte hatten nur Schrottwert. So ein Drek! Ohne Riggerkonsole würde es für ihn natürlich ungleich schwerer werden, zwischen Fahrzeug und Drohnen zu wechseln, vom Einsatz von Autosofts gar nicht zu reden. Aber es blieb ihnen nichts weiter übrig, als auf die nächste Lieferung aus den CAS zu warten.


    Vor dem Konferenzraum blieb Taylor einen Moment stehen und atmete tief durch. Lass Dich vom Stress nicht ablenken, sagte er sich. Die Digitalanzeige in seinem AR-Display zeigte 07:42 Uhr. Er atmete langsam aus und sein Ärger schwand langsam zu einem immer schwächer werdenden Hintergrundrauschen. Ihm wurde wieder bewusst, wie gespannt er darauf war, seine Teammitglieder kennenzulernen. Fairfax hatte auf jeden Fall eine Gabe, die richtigen Individuen zusammenzubringen, das hatte er über ihn gelernt.


    Mit der freien Hand strich er schnell noch ein paar, beinahe imaginäre, Falten in seinem gepanzerten Pilotenanzug glatt, fasste mit der anderen den Thermosbecher mit heißem Soykaf fester und öffnete erwartungsvoll die Tür.

    Im tiefen Anflug auf das gerade erst fertiggestellte Hauptquartier DocWagons im Londoner Megasprawl glitt die ebenso brandneue Ares Venture Vektorschubmaschine elegant zwischen zwei hoch aufragenden Konzerntürmen Canary Wharfs hindurch. Winzig erscheinende Lichter aus unzähligen Fenstern zerteilten die tiefe Dunkelheit des frühen Neujahrsmorgens und ließen die exklusiven Wohntürme wie strahlende Säulen in den wolkenverhangenen britischen Himmel aufragen.


    Taylor lehnte sich entspannt im bequemen Sessel des Copiloten zurück und beobachtete aufmerksam, wie Lexi Shaw, die jüngste Piloten-Anwärterin des Medizindienstleisters in Großbritannien, den kraftvollen Thunderbird auf dem vorgegebenen Gleitpfad hielt. Die zierliche Orkin war beinahe vollständig im aktiven Riggerkokon des Pilotensessels verschwunden, nur der mit Elektronik vollgestopfte Pilotenhelm ragte aus den stoßdämpfenden Luftpolstern aus ballistischem Gewebe heraus, die Lexi eng umschlossen. Um Lexi sein Vertrauen zu ihren wachsenden Flugkünsten zu signalisieren, hatte Taylor auf die Aktivierung des Riggerkokons verzichtet und stützte einen bestiefelten Fuß lässig an der robusten Frontkonsole ab. Seinen Pilotenhelm stabilisierte er mit einer Hand sorglos auf seinem Schoß und fuhr sich mit der anderen durch die kurzgeschnittenen blonden Haare und über die Spitzen seiner elfischen Ohren. Taylors entspannte Körperhaltung täuschte darüber hinweg, dass die Reaktionsverstärkung seines kybernetisch verstärkten Rückgrats ihn binnen Sekundenbruchteilen in eine unterstützende Position bringen konnte. Aber das würde nicht erforderlich sein.


    »Delta Victor Four Two, erbitte Landefreigabe«
    , sendete Lexi im verschlüsselten Netzwerk DocWagons. »Landefreigabe erteilt, Delta Victor Four Two. Pad 6«, erklang beinahe sofort die sonore Stimme des diensthabenden Air-Dispatchers.


    Das AR-Overlay seines integrierten Kommlinks war mit der Sensorik der Vektorschubmaschine verbunden, deren Restlichtverstärker die Skyline Londons nur noch heller erstrahlen ließen. Taylor blickte gespannt auf eine bestimmte Stelle des vor ihnen in der AR gezeichneten Flugvektors, die sich ihnen schnell näherte und an welcher Lexi die Ares Venture in eine Linkskurve legen würde, um über die toxisch verschmutzte Themse zum vorgegebenen Landepad auf dem Dach der DocWagon-Niederlassung hinabzutauchen.


    Da
    , dachte Taylor. Und schon ging ein Zittern durch den Thunderbird, als er mitten in der Kurve auf die über der Themse häufig vorkommende Luftverwirbelung traf. Er spürte, wie sich die Schubkraft der beiden Backborddüsen leicht erhöhte, als Lexi ohne Schwierigkeiten die Fluglage der Vektorschubmaschine stabilisierte. Taylors grasgrüne Augen funkelten wohlwollend und er nickte anerkennend, was die eingeriggte Piloten-Anwärterin sicherlich über die Innenkameras des Cockpits beobachtete. Einen Augenblick später fuhr Lexi alle vier Schubdüsen auf hohe Last und setzte die funkelnagelneue Ares Venture sauber auf die Mitte des Landepads für Ersatzmaschinen. „Gut gemacht“, sagte Taylor halblaut und lächelte kurz in die Cockpitkamera, bevor er den Schnellverschluss des Fünfpunktgurtes löste und zwischen den Pilotensesseln nach hinten in die Passagierkabine ging.


    Sein Team hatte heute eigentlich frei. Aber alle Metamenschen, die er auf dem Kontinent kannte, arbeiteten für DocWagon. Deshalb fiel es Taylor schwer den Feiertag einsam in seinem Apartment zu verbringen, das der Megakon ihm, wie allen amerikanischen Mitarbeitern, in einem gepflegten Wohnturm am Archway bereitgestellt hatte. Nein, da wusste er seine Freizeit besser zu nutzen, indem er sich von Lexi mit der neuen Ersatzmaschine abholen ließ. Die frisch gelieferte Ares Venture hatte einen Erprobungsflug benötigt und gleichzeitig konnte Taylor der jungen Piloten-Anwärterin, die ansonsten als Mechanikerin der Flugbereitschaft tätig war, eine weitere Flugstunde mit Beurteilung eines erfahrenen DocWagon-Piloten verschaffen. So fühlte sich sein Start in den Feiertag gleich viel besser an.

    Hm, also DocWagon hat mich direkt angesprochen, Coke... obwohl ich ja schon eine Weile nichts mehr geschrieben habe und zum Charakterbau auch erst wieder in die Regeln finden müsste. Dachtest Du an SR 5 oder 6?

    P.S. Bei Dir fürchte ich bestimmt nichts... 8)

    Beladen mit einem requirierten taktischen Rucksack, prall gefüllt mit möglichen Beweismitteln und einiger Handfeuerwaffen und kleiner Ausrüstungsgegenstände, die Lennox beim hastigen Einsammeln in die Hände gefallen waren, lief er geduckt um die schwelenden Überreste des Frachtcontainers herum in Richtung Wasserseite.


    »Das wars! Aufbrechen, Leute! Wir nehmen das Schnellboot und verschwinden von hier. Preacher«, Lennox hielt kurz inne, löste eine Sprenggranate von seinem gepanzerten Kampfanzug und warf sie dem Angesprochenen zu, »hiermit kannst du unsere Spuren im Rover entfernen.« Er trabte erneut los.


    »Gibt es ein Lebenszeichen von der Flüchtigen? Nicht, dass sie es auch zum Schnellboot geschafft hat, oder sich darunter an der Sprengladung zu schaffen macht.«

    Bei der Entschärfung einer Sprengladung helfen?! Na klar, gar kein Problem, Chummer, dachte Lennox zynisch, ging aber dennoch ohne zu Zögern auf die nächste Sprengladung zu. Mit einer sichtlich tausendfach eingeübten Bewegung schob er die noch schwach rauchende Sturmschrotflinte entlang ihres Tragegurts auf seinen Rücken. Dann zückte er sein bewährtes Multitool von Microtronics.


    »Doc, dir ist schon klar, dass ich davon überhaupt keine Ahnung habe«, subvokalisierte er, während er Billys Anweisungen folgte und mit mehr Glück als Verstand die Drähte der blinkenden Sprengladungen freilegte, bevor er schließlich den in seiner AR hervorgehobenen Draht beherzt durchtrennte. Unwillkürlich hielt er dabei den Atem an und verkrampfte sich innerlich, als seine behandschuhten Finger die scharfen Zangen des Multitools zusammendrückten. Mit einem leisen Klick war der Draht durchschnitten.

    Logisch wäre, wenn zuerst die Sprengschnur für die improvisierte Tür explodiert und dann (mit genug zeitlichem Abstand um durch die Tür zu verschwinden) die restlichen Ladungen explodieren. Also hätten wir Zeit, bis die Sprengschnur explodiert, um die Ladungen zu entschärfen, Beweise zu sichern, oder zu verschwinden. Richtig?

    Als Preacher den Rover in halsbrecherischem Tempo in das Tor der Lagerhalle rammte, beschleunigte Lennox seinen Sprint und holte alles an Geschwindigkeit heraus, was die Reflexbooster hergaben. Einen Wimpernschlag nach dem ohrenbetäubenden Aufprall, bog er um die Ecke des Gebäudes und steuerte rechts von ihrem schwer angeschlagenen Fahrzeug eine schmale Öffnung im zerschmetterten Hallentor an.


    Seine Cybermuskeln spannten sich und er sprang mit angelegter Sturmschrotflinte in geduckter Haltung in die halbdunkle Lagerhalle. Ohne merkliche Verzögerung passten seine restlichtverstärkten Cyberaugen die Helligkeit an und er registrierte zwei Feinde in seinem Blickfeld, die sich gerade ruckartig in ihre Richtung umdrehten. Links ein Schütze mit Sturmgewehr und Pistole, rechts der Anführer der Feinde mit gleichartiger Bewaffnung. schätzte Lennox.


    Im Gegensatz zu Lennox hatten die beiden Gegner auch in seine Richtung etwas Deckung. Damit er nicht in einen tödlichen Kugelhagel der beiden Feinde geriet, musste er handeln. Sofort. Das Lehrbuch der UCAS White Lions bot für solche Situationen einen eindeutigen Lösungsvorschlag. Flankieren. Und das tat Lennox ohne zu zögern. Er sprintete in einem Bogen nach rechts auf den feindlichen Anführer zu, während der Lauf seiner Enfield AS-7 nach links herumschwang und sich das Fadenkreuz des Smartlinks in seiner AR auf die Körpermitte des Mannes ausrichtete. Als der Anführer sich zwischen Lennox und dem feindlichen Schützen befand, hatte er gleichzeitig auch die feindliche Deckung neutralisiert.


    Nur wenige Meter von seinem Ziel entfernt, gab er eine lange Salve großkalibriger Slugs auf den feindlichen Anführer ab. Dass sich auf dem anvisierten Oberkörper seines Gegners dessen stärkste Panzerungsschicht befand, spielte auf diese Entfernung keine Rolle. Die Massivgeschosse der Sturmschrotflinte wurden von Körperpanzerung nur begrenzt aufgehalten. So verhielt es sich auch hier. Gleich mehrere Geschosse der schallgedämpften Salve durchschlugen den feindlichen Anführer glatt und schleuderten ihn schwerstverletzt zu Boden.