Beiträge von Dschinn

    Die Idee mit dem Programm Verwandlung finde ich sehr gut. Ein Icon als etwas anderes zu tarnen, statt es zu verstecken, hat was. Das ist eine schöne Ergänzung für die Trickkiste von Hackern und kann ja auch von Riggern und Vercyberten mit Datenbuchse Plus genutzt werden.

    Ich würde wahrscheinlich sogar erlauben, dass ein Anwender mit Schleicherstufe eine Verteidigungsprobe machen kann, um das durchschauen zu erschweren. Das ist nach dem Text der Matrixwahrnehmung nicht so vorgesehen, würde aber Sinn machen. Für den Hacker wäre es zwar etwas gefährlicher, als auf Schleichfahrt zu gehen, da ein sichtbares Icon ja angreifbar ist, auch wenn es wie etwas anderes aussieht. Aber es gäbe sicherlich hier und da interessante Anwendungsmöglichkeiten, z.B. könnte sich ein Hacker so ohne den -2 Würfelpoolmalus der Schleichfahrt verstecken, indem er sich bewegungslos als Kaffeemaschine tarnt, oder so...

    Deevine, an die Feuerleiter kannst Du herankommen. Klettern, oder Springen wäre jeweils mit einer Akrobatikprobe (3) möglich. Mit einer Schleichenprobe (2) ist es nicht weit zu hören.

    Renton, Seattle, UCAS


    Auf der Rückseite des Hauptquartiers der Blood Mountain Boys fand Cleo eine unbeleuchtete, aber großzügige Gasse von mehr als drei Metern Breite vor. Der dunkle Schatten des zweistöckigen Supermarktgebäudes verdrängte das schwache Mondlicht und ohne die Restlichtverstärkung ihrer Cyberaugen hätte sie kaum ein halbes Dutzend Schritte weit sehen können. Weit entfernt, am anderen Ende der Gasse bewegten sich die Umrisse einiger Jugendlicher im trüben Licht einer Straßenlaterne. Weibliches Kichern und die Fetzen einer lockeren Unterhaltung drangen durch die hier etwas gedämpften Rhythmen der Rockmusik aus dem vor ihr liegenden Gebäude.


    Fenster gab es im Erdgeschoss der rückwärtigen Gebäudewand nicht, nur eine mittig eingelassene Stahltür. Deren Oberfläche war weitgehend von Rost bedeckt, die Scharniere hingegen blitzblank und ein kurzer Blick auf das stabile Magschloss verriet, dass auch dieses neueren Datums zu sein schien. Nur wenige Meter in die Gasse hinein, befand sich etwa zweieinhalb Meter über ihr das untere Ende einer Feuerleiter, die senkrecht an der Wand befestigt war und vom Dach herunterhing.

    Arashi hatte vorsichtig das Garagentor geöffnet und mit einem prüfenden Blick in die Umgebung sofort wieder verschlossen, nachdem Sanro-kai den weinroten Familienvan ferngesteuert hinter den BMW in die Garagenbox rollen ließ und den Elektromotor abschaltete. Routiniert holte er seine Ausrüstung aus dem BMW 400GT und verstaute erst die Einsatztasche und das Medkit im Fußraum der zweiten Sitzreihe, bevor er seinen Rucksack unter den Fahrersitz legte.

    „... hebst Du unseren anderen Gast bitte ins Auto?", nahm er Yokotas sanfte Stimme wahr, als er sich hinter der Fahrertür aufrichtete. Sie lächelte. Er erwiderte ihr Lächeln und nickte ihr lässig zu. Die junge Japanerin verschwand wieder in den nebenan befindlichen Wohnräumen. Umsichtig ging Arashi zuerst noch einmal um den Bobcat herum und öffnete die Klappe des großzügigen Kofferraums, bevor er sich in den improvisierten Verhörraum begab und den bewusstlosen Gefangenen zur Garage schleppte. <Hachidori-san, trefft ihr uns in der Chonsun Alley, nachdem ihr Kaya abgesetzt habt, oder sollen wir euch irgendwo abholen?>

    the_guardian und Shadow : Könnt Ihr mit einer Regelstelle belegen, dass das Schleicherattribut nicht als Limit bei der Verteidigung gegen die Matrixwahrnehmungsprobe zählt?

    Nach GRW S. 50 (Vergleichende Proben) wird das Limit beider Seiten vor dem Vergleich der Erfolge berücksichtigt. Hier handelt es sich um ein Ausrüstungslimit, GRW S. 49. Und auf GRW S. 224 steht dazu, dass die Matrixattribute die Limits bei der Verteidigung gegen Matrixhandlungen sind, also sollte ein Gerät ohne Schleicherstufe ein Limit von 0 haben. Die Erfolge einer Logikprobe wären nutzlos, es sei denn, der Charakter würde mit Edge die Grenzen sprengen. Dann würde ich die Logikprobe (wahrscheinlich ohne -1) zulassen.

    Ich bin also der Ansicht, dass ein verstecktes Gerät ohne Schleicherstufe auch ohne Gegenwehr entdeckt werden kann. Knifflig ist nur, dass es möglicherweise viele versteckte Geräte in Reichweite geben kann (je nach Spielleiterauslegung) und zufällig ermittelt wird, welches versteckte Gerät man mit einer Matrixwahrnehmungsprobe findet. Siehe GRW. S. 232. Da fände ich es gut, wenn man für den Hacker klarer regeln könnte, nach welchen Kriterien er filtern kann, ohne dass es wie Spielleiterwillkür wirkt, was er denn findet. Dazu ist mir noch keine einfache und saubere Lösung eingefallen.


    NachbarsKater : Mit der Diagnose-App könnte man doch über einen Hackerangriff, oder eine Marke informiert werden (sofern man nicht sowieso Matrixschaden abbekommt).

    Everett, Seattle, UCAS


    Zügig und ohne besondere Vorkommnisse steuerte Franklin Fatboy nordwestlich durch Renton. Routiniert führte er den dicht folgenden Dodge Hurricane mit Isidor und Sergej auf der schnellsten Route zur Interstate 405, bis sie deren nächstgelegene Zufahrt hinauffahren konnten. Sie beschleunigten und brausten nordwärts durch Bellevue und Snohomish. Ringsum zogen die schillernden Lichter des Metroplex schnell an ihnen vorbei. Nach einer ereignislosen Fahrt, wechselten sie schließlich auf die Interstate 5, der sie bis Everett folgen konnten.


    In Perrinville fuhren sie schließlich wieder die nun kaum befahrene West Salish Avenue hinauf. Der hell erleuchtete Schriftzug des „Deliciosa“-Lagerhauses von Aztechnology, hinter dem sich das Lagerhaus von Clark Storage Ltd. befand, war schon von Weitem zu sehen.

    Renton, Seattle, UCAS


    Unbehelligt rollte Cleos GMC Armadillo durch Elliots weitgehend verlassene Straßen. Das AR-Display des robusten Pickups zeigte 23:38 Uhr, als das Hauptquartier der Blood Mountain Boys in Sicht kam. Die musikalische Untermalung des nun anderweitig genutzten Supermarktes schien im Vergleich zu Betsys erstem Besuch eher zugenommen zu haben. Die rockigen Bässe eines gängigen Songs der Concrete Dreams hinderte sicherlich den einen oder anderen Nachbarn an einer erholsamen Nachtruhe.


    Das gute Dutzend vor dem Gebäude abgestellter Motorräder stand nahezu unverändert, nur herrschte deutlich mehr Betrieb im Eingangsbereich. Eine ganze Reihe junger Leute in partygeeigneter Straßenkleidung gingen ein und aus. Zu dem vorhin bereits anwesenden jungen Gangmitglied, der von den Vorbeigehenden stets freundlich und lautstark gegrüßt wurde, hatte sich noch ein beinahe zwei Meter großer Hüne gesellt, dessen hautenges T-Shirt seine Kunstmuskeln ausgezeichnet zur Geltung brachte.

    „Wohin möchtet ihr sie bringen, Hachidori-san?“, fragte Arashi zurück und warf einen kurzen Blick zu der auf dem Sofa sitzenden Kaya, bevor er Sanro-kai bestätigend zunickte. <Zusammenpacken, Leute>, sendete er dann. <In drei Minuten kommt ein neues Fahrzeug, mit dem wir zur Chosun Alley aufbrechen. Wir essen unterwegs.> Er nahm die Hände von der Sofalehne und streckte sich. „Begleitet ihr uns, Sanro-kai? Zur Q-Plaza könnt ihr Nachforschungen anstellen, während wir unterwegs sind.“


    Arashi ging zu seinem nebenan in der Garagenbox abgestellten BMW 400GT voraus und begann seine Ausrüstung bereitzustellen.

    Arashi stieß sich lässig von der Küchenzeile ab und ging langsam zur Sitzgruppe zurück. Ruhig erwiderte er Hachidoris Blick und nickte ihm zu, bevor er sich an ihren Hacker wandte. „Sanro-kai, ich konnte gerade verifizieren, dass diese Person“, er markierte Jinx‘ Symbol in der AR, „nicht Mitglied der Koku no oto ist. Und auch noch nie von ihnen gehört hat“, ergänzte er. „Interessant wäre, weshalb euer Algorithmus diese Verbindung hergestellt hat. Das könnte ein Anhaltspunkt für uns sein.“


    Er blieb hinter der zuvor verlassenen Couch stehen und lehnte sich leicht auf deren Lehne. „Konntet ihr schon einen Mietwagen auftreiben, damit wir den BMW nicht mehr einsetzen müssen?“, fiel Arashi noch ein, bevor er in einem AR-Fenster schnell die Teamkommunikation der letzten Minuten nachlas. <In der Chosun Alley befindet sich auch das von Sanro-kai markierte Kommlink unserer Opposition>, sendete er dann. <Das wird kein Zufall sein. Schauen wir dort doch einmal vorbei. Vielleicht erledigt sich damit auch die Infiltration der Secret Garden Residence. Was meint ihr?>

    Drei Sekunden waren vergangen, seit er Jinx geschrieben hatte. Vier Sekunden. Impulsiv stand Arashi auf und ging ungeduldig mit der leeren Tasse zur Kaffeemaschine. Fünf Sekunden. Er brauchte dringend noch einen starken Soykaf. Das Icon für einen eingehenden Anruf blinkte in seiner AR. Na endlich. Mit einem Gedanken nahm Arashi das Gespräch an und stellte die Tasse auf das Sieb unter der Düse des schnörkellosen Kaffeeautomaten.


    Jinx saß entspannt mit einer geöffneten Schachtel Nudeln auf ihrer gemeinsamen Terrasse. Ihr zierlicher Körper steckte in schwarzen Leggings und einem flamingofarbenen T-Shirt, letzteres verziert mit dem stilisierten Print eines silbernen Kranichs. Die schlanken Beine bequem angewinkelt, lehnte sie sich auf der Rattanliege zurück, die sie sich als Lieblingsplatz auserkoren hatte. <Blades of the Void? Ernsthaft? Wer nennt sich denn bitte nach einem drittklassigen Actiontrid?> Ihre spiegelnden blauen Augen blitzten belustigt, als sie ungläubig den Kopf schüttelte. Der Schock, ihren Namen im Organigramm der geheimnisvollen Widersacher gelesen zu haben, saß noch zu tief, als dass Arashi mit einem lockeren Spruch hätte antworten können. Er zuckte nur unschlüssig mit den Schultern und drückte auf das AR-Icon für einen schwarzen Soykaf. Der Ausdruck in Jinx Augen wurde weicher, als sie erkannte, dass es ihm ernst war. Er entspannte sich leicht, als er ihre beinahe unmerkliche Reaktion registrierte. <Noch nie gehört>, sagte sie ernst. Er glaubte ihr. Natürlich. In den vergangenen Jahren hatten sie gemeinsam so viele Shadowruns durchgestanden und waren dem Tod mehr als nur einmal knapp entkommen, dass es ihm nun kaum vorstellbar erschien, dass sie ohne sein Wissen wieder aktiv gewesen sein sollte. Das Business macht uns einfach paranoid, dachte Arashi mit mehr als nur einem Hauch von Schuldgefühl.


    Mit einem begleitenden Zischen heißen Wasserdampfs floss die intensiv duftende, schwarze Flüssigkeit in die Tasse. Während Arashi auf seinen Soykaf wartete, löste sich die Anspannung in ihm auf. Mit leicht geneigtem Kopf sah Jinx ihm ruhig zu, wie er den Schock endgültig überwand und seine übliche Gelassenheit wiederfand. Sie nahm einen kleinen Bissen Nudeln und steckte die Essstäbchen in die Nudelbox, während sie nachdachte und langsam kaute. <Irgendeiner deiner kleinen Aufträge muss mit unserem Run in Verbindung stehen>, überlegte er mit ihr. Sie nickte. <Gut möglich. Aber ich habe keine Ahnung welcher. Worum geht es bei deinem Run?> Arashi nahm die dampfende Tasse in beide Hände und drehte sich um, damit er sich an die Arbeitsplatte der kleinen Küchenzeile lehnen konnte. <Wiederbeschaffung des Kommlinks und zweier Credsticks des sehr kürzlich verstorbenen Shin’ichi Jubei. Ein Regierungsbeamter>, subvokalisierte er. Sie zuckte ratlos mit den Schultern und stellte die Schachtel mit den Nudeln auf einen nahen Beistelltisch. <Da klingelt nichts.> Er schickte ihr kurze Videosequenzen des Angriffs in den Bleeds. Sie pfiff überrascht, als sie in ihrer AR für ihn sichtbar durch die Videos scrollte. <Ganz schön hartnäckig, die Typen>, bemerkte sie abgelenkt. Sie stoppte das Video an der Stelle, an der Arashis Cyberaugen blitzschnell das gegnerische Auto heranzoomten und er einen perfekten Treffer durch die Heckscheibe landete. <Autsch.> Er nickte. <Das war der Magier, nehme ich an.> Er stieß sich von der Arbeitsplatte ab und sah ihr fest in die Augen. <Melde dich sofort, falls sie dir zu nahe kommen.> Sie lächelte ihn an. <Klar. So lange suche ich nach einer Verbindung. Pass auf dich auf.> Sie legte auf.

    Das nutzen wir natürlich. Ich kannte die Stelle auch aus meinem PDF des GRW. Du weisst ja, was Du tun musst, um das Sturmgewehr in eine unbewegliche Position zu bringen, Coke.

    Koku no oto, was soll das denn sein, fragte sich Arashi, als er skeptisch das Organigramm betrachtete, das Sanro-kai kunstvoll vor ihnen anordnete. Er legte die Verpackung des gerade verzehrten Soyriegels achtlos beiseite und lehnte sich langsam auf der Couch nach vorne, während er fokussiert die dargestellten Namen und Beziehungen studierte. Jinx, las er dann unter einem einzelnen Lichtpunkt am Rande der Organisationsstruktur. Er hätte beinahe geblinzelt, wenn das bei erstklassigen Cyberaugen nicht völlig unsinnig gewesen wäre. Jinx?! Aber… Was zum…? Seine Gedanken wirbelten zusammenhanglos durcheinander. Sein Vitalmonitor verzeichnete einen sprunghaften Anstieg seines Herzschlages, verbunden mit einer rotblinkenden Gefahrenwarnung. Arashi fasste sich. Drek! Er fuhr sich abwesend mit der Linken über das Gesicht. Dann atmete er langsam ein und wieder aus, was sein integraler Vitalmonitor umgehend mit einem Wechsel zu gelben Werten quittierte. So ein Drek!


    Mit einem Gedanken öffnete er ein Nachrichtenfenster in seiner AR. <Warum lese ich deinen Namen im Organigramm einer ominösen Gruppe namens Blades of the Void, die heute schon uncharmant versucht hat, uns in die ewigen Runnerjagdgründe zu schicken?>, sendete er an Jinx.

    Wenige Sekunden nach Betsys Nachricht, blinkte schon Lysanders Rückruf in ihrer AR. Sie nahm ab. Lysander lehnte lässig an der ausladenden Kücheninsel in Raven Manors eleganter Vorzeigeküche. Sein athletischer Oberkörper steckte in einem dunkelblauen Shirt von Vashon Island. Leicht gepanzert, verstand sich. <Elisabeth>, sagte Lysander mit gewohnt zuversichtlicher Stimme, <ihr macht das schon. Aber wie immer>, er sah ihr fest in die Augen, <geht möglichst keine unkalkulierbaren Risiken ein.>


    <Mr. Taylor ist seit deinem kleinen Scharmützel bei West Coast Cargo sehr... rastlos.> Lysander blickte prüfend zur Seite, wo sich, wie Betsy wusste, der breite Durchgang zum weitläufigen Wohnzimmer befand. <So langsam befürchte ich, dass der teure Perserteppich durchgetreten wird>, fügte er trocken hinzu. Seine tiefseeblauen Augen blitzten humorvoll, als er ihren Blick einfing. <Um ihn bei der Stange zu halten, werde ich wohl oder übel mit ihm ins Tacoma Charity Health General fahren>, fuhr er in ernstem Ton fort. <Er möchte nach Scott Masters sehen. Meines Wissens ist er noch nicht zu Bewusstsein gekommen, aber Mr. Taylor versucht verzweifelt Antworten zu bekommen, die wir ihm noch nicht liefern können.> Lysander zuckte mit den Schultern. <Ich verstehe seine Situation. Aber vielleicht erfahren wir im Krankenhaus ja doch etwas Brauchbares. Es würde mich auch überhaupt nicht wundern, wenn Detective Younger von KE dort auftauchen würde.> Er nickte ihr zu. <Ich melde mich.>

    Mit einem schwarzen Kaf und einer bunten Geschmacksauswahl an Soyriegeln ließ sich Arashi gegenüber von Kaya auf einem baugleichen Sofa nieder. Er setzte Boku auf dem Couchtisch ab, damit die kugelförmige Minidrohne ihre Batterien über dessen induktive Oberfläche aufladen konnte. Die Handvoll Riegel drapierte er zu seiner Linken, bevor er sich müde zurücklehnte und den Kopf auf der weichen Rückenlehne ausruhte. Die immer noch dampfende Tasse Soykaf hielt er locker in der Rechten. Mit halb geschlossenen Augenlidern betrachtete er beiläufig Sanro-kais AR-Displays, während er sich entspannte. Arashis integraler Vitalmonitor zeigte auch bald mit sinkenden Kurven an, dass sich Herzschlag und Puls gemächlich auf seinen Ruhemodus reduzierten.