Redmond, Seattle, UCAS
Nach einer recht unbequemen, dabei aber gleichzeitig ereignislosen Fahrt steuerte ihr junger Fahrer den beengten Chrysler-Nissan Jupiter die weit geschwungene Ausfahrt der Interstate 405 hinab ins Herzen Kingsgates. Das heruntergekommene Wohnviertel am westlichsten Ende Redmonds profitierte erkennbar von seiner Nähe zu Bellevue, das vielen Bewohnern Kingsgates bodenständige Arbeitsplätze bot. Im Vergleich zu den umgebenden Vierteln Redmonds, bei deren Anblick dem angewiderten bis mitleidigen Betrachter unvermeidlich der Beiname Barrens in den Sinn kam, konnte Kingsgate eher der Unterschicht zugeordnet werden.
Obwohl ihr sportliches Gefährt nicht wirklich unauffällig war, hatten Colins rasante Fahrtweise, ihr Durchqueren der schmalen Seitengasse und die Unpassierbarkeit der Riverside Road durch den Absturz des Flugzeuges, dazu geführt, dass die Verfolger ihre Spur verloren hatten. Dennoch hatte er auf ihrer Strecke durch Everett und Snohomish einige Haken geschlagen, um sicherzustellen, dass sie niemanden übersehen hatten.
Das Navigations-ARO des Jupiters führte sie in die unscheinbare 119th Avenue North East, der sie in einer leichten Rechtskurve nach Nordosten folgten. Nur wenige Hundert Meter entfernt, bog die in der AR angezeigte Fahrspur links in eine schmale Gasse ab. Als Colin das Tempo des Wagens für das Abbiegen beinahe auf Schrittgeschwindigkeit reduzierte, erkannten sie, dass sich sowohl im Eingangsbereich der Gasse, als auch im Schatten einer gegenüberliegenden Gebäudevertiefung, jeweils zwei Männer aufhielten, deren Straßenleder mit auffällig vielen blauen Akzenten versehen war. Die amerindianischen Gesichtszüge der Gangmitglieder und ihre wilde Kriegsbemalung machte es recht einfach sie ihrer Gang zuzuordnen. First Nation.
Eines der Gangmitglieder in der Gasse winkte sie heran und bedeutete ihnen sie entlangzufahren, was Colin mit einem knappen Nicken bestätigte und den Jupiter in die schmale Einmündung lenkte. Nach etwa zwanzig Metern endete ihr Weg und die Gasse öffnete sich rechterhand in einen kleinen Innenhof. Geschickt bog ihr Fahrer scharf ab und brachte die Sportlimousine sofort ruckartig zum Stehen, weil unmittelbar vor ihnen eine extrem modifizierte Harley-Davidson Nightmare im Innenhof abgestellt war, an welcher eine zierliche menschliche Frau in schwarzem Straßenleder lehnte.
Das Ungetüm von einem Motorrad war ihnen bestens bekannt, Franklins Fatboy war unverkennbar, dass es sich bei der attraktiven Latina um Nina Vasquez handelte, dafür mussten sie zweimal hinsehen. Das heutige Outfit von Lysanders Assistentin könnte kaum weiter von ihren stets tadellosen Businesskostümen entfernt sein. Aber auch die mattschwarze Lederleggins, die in Straßenstiefeln mit verchromten Beschlägen endete, stand der jungen Aztlanerin in Verbindung mit einem beinahe bauchfreien T-Shirt und einer körperbetonten Panzerjacke ausgezeichnet. Lässig verschränkte sie die Arme und lächelte ihnen entgegen.