von McDougle am So Sep 05, 2010 4:02
#003 – Warfare
Die Sonne war ein roter Punkt am flirrenden Himmel, der einem auf den Schädel brannte. Es war laut. Händler priesen ihre Waren an, die einkaufende Masse verschiedenster Formen versuchte zu feilschen, die Preise noch tiefer zu drücken und die Rüstungen der Miliz klirrten bei ihren niemals endenden Patroullieren. Er konnte den heißen Staub riechen. Ganz nach dem orientalischen Vorbild lag die Ware des Basars auf vollbeladenen Tischen und Decken aus. Viele der Repräsentationen waren vorübergehend an die Ikonografie des Subknotens angepasst. Nur wenige stachen heraus, wie etwa der rote Zylinder, ein echter Granatenapfel, und ein Set von DamienKnight Actionfiguren, vollbeweglich.
Grelle Punkte spiegelten sich von den robusten Panzerplatten des anthroformen Mechanoiden ab. Einen Click später dampfte seine Persona und glühte rötlich - wie Eisen im Ofen eines Schmiedes. Der Aufbau des äußeren Erscheinungsbildes des Icons war darauf ausgelegt, größtmögliche Gefahr und aggressives Potential auszustrahlen. Wie in einem alten amerikanischen Comic überragten die Schultern die synthetischen, gepanzerten Gliedmaßen um mindestens das Doppelte. Der Schädel wiederum war flach, halslos und ragte kaum aus dem gewölbten Torso heraus.
Warfare trampelte nicht zum ersten Mal durch die vollgedrängten Schlängelpfade. Nachdem er sich seiner neuen Identität bewusst geworden war fiel ihm unweigerlich auf, wie unvollständig seine Programmdatenbanken waren. Die Matrix, die Welt, Heimat, bot noch so viele andere Möglichkeiten! Er kaufte seine Updates immer hier. Er musste es tun, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Diesmal waren die Stände allerdings nicht sein Ziel, sondern ein unabhängiger Händler, der sich in den Schatten des Knotens aufhielt. Der Milizwache nickte Warfare kurz zu, als dieser sich an ihm vorbeidrücken musste. Sie kannten ihn hier. Die Hellebarde war ihm nicht entgangen. Eine neue Erweiterung des Knoteninternen IC? Er brannte darauf, sie in einem echten Kampf auszutesten, den Code an seine Grenzen zu treiben, auszulöschen. Aber das ging nicht. Der Knoten war zu wichtig, die Kontakte zu wertvoll. Warfare war kein begnadeter Programmierer: Seine wertvollen Programme würden elendig degradieren ohne die Wartung, die er ihnen nicht bieten konnte. Eine fröhliche Nachricht schlug dem SysAdmin ein Sparring zwischen Warfare und dem verbesserten IC vor.
Endlich erreichte er die schmale Seitengaße. Im krassen Kontrast zum Hauptplatz war sie Metamenschenleer. Die Pfade der Umgebungs-Software drangen nicht in diese längst vergessene Ecke des Knotens. Leicht sichtbare Datenfragmente schlichen sich wie Risse die bröckelnden Mörtelwände entlang und machten so jede Analyse sinnlos. Der fragmentierte Code klebte seit etlichen Wochen im System des Knotens. Niemand scherte sich um diesen Datenmüll.
Natürlich hatten die MCT-Hacker ihren Angriff auf das WarezHouse24 nicht überlebt. Ein Klasse Kampf war das gewesen. Hatte sich richtig gut angefühlt.
Cube hat den ganzen Spass leider verpasst – heh, mehr für mich.
Er musste nur noch um die nächste Ecke gehen, als ihm schon die Stimme entgegen kam.
„Hier drüben, Fremder.“, es war immernoch die gleiche.
Warfare legte das letzte Stück mit großen Schritten zurück.
Der Waffenhändler unterragte ihn um mindestens einen Kopf, ein Umstand, der durch seine krumme Körperhaltung noch verstärkt wurde. Der lederne Rucksack auf seinem Rücken war aus dem gleichen Material wie seine authentisch dreckigen Stiefel. Seine Gesicht war kaum auszumachen. Ein purpurner Schal bedeckte es bis zur Nasenspitze und ragte ein wenig unter der dunklen Kapuze hervor, die auch seinen Skalp Spekulationen überließ-vorausgesetzt der Designer hatte sich überhaupt die Mühe gemacht. Die Welt war voller Geheimnisse. Voller Gegner. Gegner mit Geheimnissen. Gegner mit geheimnissvollen Waffen.
Deswegen war er hier.
„Ich hab etwas, dass dich interessieren könnte.“, sagte der Waffenhändler und öffnete seinen langen, verschlissenen Mantel.
Es schepperte nicht, als Warfare noch einen Schritt näher trat. Auch das Glühen und der Dampf waren verschwunden. Spectre sorgte dafür, dass Warfare schon fast teil seiner Umgebung war. Seine ID verschmolz förmlich mit dem Code um ihn herum.
„Willkommen.“
„Bin auf der Suche nach ´ner neuen Waffe . Wie immer, Chummer!“, grunzte Warfare wie üblich in seinem synthetischen Bass.
„Was kaufst du?“, ganz vergessen.
„Waffen. Hast du neue Waffen?“, immer wieder das gleiche…
„Ich habe eine Auswahl von guten Sachen für dich, Fremder.“, wie oft er das schon gehört hatte. Kratzig lachend wies der Agent auf drei Gegenstände in seinem Mantel, die in Schlaufen und Netzen befestigt waren. Warfare nahm sich einen kurzen Moment um die drei Datenpakete zu analysieren. Die abgetrennte, blutige Hand war ein Wurm der sich darauf spezialisiert hatte Schmökerprogramme zum Absturz zu bringen- völlig unnütz. Bei der vierläufigen Schrotflinte handelte es sich um ein Angriffsprogramm, das zwar einen starken Code hatte, allerdings nicht mit seinem jetzigen System kompatibel schien. Frag damnit.
„Was kaufst du?“, ignorieren.
Der letzte Gegenstand war das unscheinbare Icon einer kleinen Glasphiole, die in einem der Netze hing. Der Code offenbarte, dass die Datei nur ein Hord für den darin enthaltenen Virus war. Hammer, hab noch nich´ mit ´nem Virus gekämpft. Warfare rief die nähere Beschreibung der Datei auf. Es war ein LähmungsVirus, der Abwehr- und Heilungsprogramme daran hinderte ihre Arbeit zu leisten. Der war perfekt!
„Du wirst nicht nur Bares, sondern auch Mut brauchen, um diese Waffe zu kaufen.“, der Virus war wirklich gut wenn der Waffenhändler das sagte. Warfare speicherte im vornherein die Signatur des Virus in seinen Purge.
„Ich nehm´ den Virus.“, die Transaktion wurde von seinem anonymen Konto vollzogen. Wieder das finstere Lachen.
„Danke sehr. War das alles, Fremder?“
„Hab´ alles.“, grummelte Warfare. Sein Geld wurde knapp, ein Job musste her. Der Mantel schloss sich und der Waffenhändler warf ihm noch einen letzten Satz hinterher:
„Komm jederzeit wieder, Fremder.“
Der Waffenhändler war ein degeneriertes Agentenprogramm, das wusste Warfare. Trotzdem musste ein talentierter Hacker hinter ihm stecken, denn das Angebot änderte sich regelmäßig. Wenn dieser Hacker starb würde aus dem Waffenhändler auch eine KI werden. Bei ihm war es genauso gewesen.
Jeder Versuch nachzuhelfen war bislang gescheitert. Der Besitzer nutzte offentsichtlich kaltes Sim um dem Agenten die neuen Daten zu übermitteln, was es Warfare sehr schwer machte. Dieses eine mal war er über die Proxies und anderen Umleitungen, durch die Verschlüsselung hindurch, an der Firewall vorbei, bis in den Knoten des Hackers eingedrungen, hatte wie wild um sich geschlagen und auf sich aufmerksam gemacht, das ganze System zum Einsturz gebracht! Einen Tag später kam die Verbindung unter anderer ID wieder zustande. Es war sinnlos. Warfare konnte nur abwarten bis der Waffenhändler sich endlich von allein loslöste.
Er begann gerade eine Suche nach neuen Möglichkeiten, um den Besitzer des Waffenhändlers aus der Matrix zu putzen, als die erste seiner drei aktiven Personas angechattet wurde.
>>>Knock, Knock... Hab hier was für dich: Johnson, 1800, Seattle, “Der Ork mit dem Goldzahn“, Job für zwei<<<
>>>Ein neuer Job?<<<, Warfare befand sich inmitten des Rubik´s Cube. Die gläsernen Flächen verzerrten die Welt um ihn herum. Er machte die verschwommene Gestalt Cube´s aus, der von draußen mit ihm sprach.
>>>Wie viel?<<<, fragte der Mechanoid, während er mit FatMan rang, dem breiten Kampfroboter, der zwar fast so groß war wie er selbst, dessen Erscheinung allerdings völlig anders aussah als die Warfare´s. Ihre Hände aneinander gepresst hielt Warfare dagegen, lenkte die Kraft seines Gegenübers ab und warf ihn zu Boden. Ich brauche Geld für bessere Software. Er löschte die Kopie des Wurms und fokussierte das Abbild Cube´s.
>>>Frag drauf! Ich bin dabei, Chummer.<<<
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McDougle am Di Okt 12, 2010 20:46, insgesamt 4-mal geändert.