[IP] Electric Dreams

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      Bis auf das kurze Gespräch mit Mikhail und Lak hatte Azrael bisher fast den ganzen Tag relativ unproduktiv damit verbracht, in der Matrix herumzustöbern und nach Informationen über die Tech-Gang zu suchen, was allerdings dank seiner mangelnden Kenntnisse in dem Bereich nichts Brauchbares zu Tage förderte, sowie damit, in seiner persönlichen AR-Umgebung die Fähigkeiten seines Virtual-Surround-Programms auf's äußerste auszureizen, um damit der orchestralen Soundtrack-Musik, an der er herumkomponierte, zu noch epischerer Wirkung zu verhelfen. Er wusste jetzt schon, in was er die in Aussicht stehende Bezahlung für diesen Auftrag investieren würde - in eine Anzahlung für ein professionelles Tonstudio...

      Allerdings hatte er, nachdem er davon in Kenntnis gesetzt worden war, dass der Ersatz-Runner auf dem Weg zu ihnen war und bald eintreffen würde, schon vorsichtshalber die beiden Oberschenkelholster mit den Ingrams angelegt und sich mit der AR-Umgebung der Wohnung verbunden, um die Türklingel nicht zu überhören.

      Als der Neue nun also vor dem Haus eintraf und klingelte, beendete Azrael seine AR-Spielereien, öffnete die Schlafzimmertür und blieb nach einem kurzen Blick zum Rest des Teams an den Rahmen gelehnt stehen. So würde er zwar den Fremden erst sehen, wenn er aus dem Flur in das Wohnzimmer trat, stand dafür aber seitlich vom Eingang und nicht in einem etwaigen direkten Schusswinkel.

      Azrael verhielt sich erst einmal still, als der Runner vorsichtig und langsam die Wohnung betrat. Er grinste, als er Mikhails Test bemerkte, und beobachtete gespannt die Reaktion des Fremden.
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      Lak ist gespannt, wie Mr Dexter auf Mikes Frage reagiert.
      Mr Dexter ist auch ein Farang-Elf wie Azrael. Sicher stammt auch er nicht aus Hongkong. Interessant.
      Immerhin hat er seine sehr sympatische Stimme. Lak verneigt sich kurz und sagt lächelt:
      "Sehr erfreut Mr. Dexter. Mein Name ist Lucky Lak. Aber bitte nehem Sie doch Platz, was möchten Sie Trinken?"
      Nachdem sie das gewünschte Getränk aus dem Kühlschrank auf den Küchentisch gestellt hat, nimmt sie selber Platz.
      "Ich freue mich, dass wir so schnell einen Ersatz für unsere Teamkollegin gefunden haben. Leidermusste sie uns aus persönlichen Gründen verlassen."
      Das die persönlichen Gründe bedeuteten, das Scheme seit der Granatenexplosion in Koma lag, erwähnt Lak nicht. Es ist einfach nicht Thai-Art jemanden mit solch unangenehmen Dingen zu belästigen.
      Dennoch fühlt sie sich verpflichtet den Elfen zu warnen:
      "Ich muss leider eingestehen, daß es heute Abend gefährlich werden könnte. Unsere Opposition ist nicht zimperlich wie wir feststellen mussten. Aber dafür ist unsere Bezahlung angemessen.
      Warum erzählen Sie nicht ein bisschen von Ihnen? Was ist ihre Spezialgebiet? Was haben sie gemacht? Was essen Sie gerne und so?"
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      "So sieht es wohl aus. Ich nehme an, sie sind Mister Dexter und kommen zu uns auf Wunsch von Mister Ling."

      waren die Worte, mit denen der Mann in der Tür ihn empfing. Für einen kurzen Augenblick fragte er sich, ob sein Gegenüber ihn testen wollte oder einfach nur ein schlechtes Namensgedächnis hatte. "Ja, Dexter Holland mein Name. Ich habe unseren Auftraggeber zwar unter anderem Namen kennengelernt, aber ich denke, wir sprechen von derselben Person. Alles weitere würde ich aber nicht unbedingt so gerne auf einem Flur besprechen."

      entgegnete er und wartete dann darauf, hineingebeten zu werden. Nachdem die freundliche Asiatin - er überlegte noch, aus welchem Kulturkreis sie wohl genauer kommen würde - ihn dann herein- und dann auch noch einen Platz angeboten hatte, setzte er sich zufrieden.

      "Ein Wasser wäre nett" entgegnete er auf die Frage nach seinem Getränkewunsch. Nachdem er den ersten Schluck genommen hatte, setzt er erneut an zu sprechen: "Viele Details zum Auftrag weiß ich leider noch nicht - unser gemeinsamer Kontakt hat mir zwar oberflächliche Informationen zur Art des Auftrages gegeben, sich jedoch mit Detailinformationen zurückgehalten. Ich würde mich also freuen, wenn Sie mir mitteilen, um was es genau geht und was meine Aufgabe dabei sein wird. Ebenso sagte unser gemeinsamer Auftraggeber, daß ich von Ihnen auch meinen anteiligen Vorschuss erhalten würde. Ich wäre sehr erfreut, wenn wir diese beiden Details - also die genauen Informationen zum Auftag und die Abwicklung des Vorschusses - als erstes erledigen könnten, dann haben wir die eher bürokratischen Aspekte hinter uns und können uns um die Aufgabe an sich kümmern.

      In Bezug auf die persönlichen Details gebe ich Ihnen gerne Auskunft, Madame. Mein Name ist Dexter Holland, das wissen Sie wahrscheinlich schon. Man sagt mir nach, daß ich recht gut klettern kann und recht unbemerkt irgendwo rein- und wieder herauskommen kann. Ich habe mich auch ein wenig mit Sicherheitselektronik beschäftigt, überlasse die praktische Deaktivierung von hinderlichen Systemen allerdings lieber einem Partner, der sich damit besser versteht. Und ich mag Kunst - sowohl beruflich als auch privat. Mit wem habe ich denn die Ehre?
      "
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      Der Typ, Dexter, hatte die Falle von Mike elegant umschifft, auch wenn er etwas verwundert wirkte. Croaker hatte in seiner bisher üblichen, eher misslaunigen Art auf die fast schon zu elegante Rede des Mannes geantwortet geantwortet, der sich bei genauerer Betrachtung als Elf erwies.
      Nun ja, das würde schon mal einen Teil des Hauchs von Snobismus erklären. Dazu noch Engländer, das macht die Sache rund. Aber warum scheint Croaker das abzulehnen? Begreif einer die Inselbewohner ... ging es Mike durch den Kopf.

      Nach einem leichten Kopfschütteln, begleitet vom Anflug eines Lächelns stellte er sich ebenfalls vor:

      "Hi, ich bin Mikhail, aber nenn mich Mike. Meine Spezialität ist physische Unterstützung oder" und dabei verzog er das Gesicht zu einem diabolischen Grinsen "Einschüchterung. Und ein bissel mit Sprengstoff kann ich auch umgehen. Obwohl das wahrscheinlich nicht so relevant ist."

      Das sollte für den Anfang reichen. Mike überließ es Azrael und Lak, Dexter über die Einzelheiten aufzuklären. Und was den Vorschuss anging, war Lak wohl eh der beste Ansprechpartner.
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      Nachdem auch Azrael, der nun nicht mehr der einzige Elf in der Gruppe ist, sich vorgestellt hat, fährt Lak fort.
      "Nun Mr Holland, ich hoffe ich darf Sie Dexter nennen? Als vollwertiges Teammitglied stehen dir natürlich auch der Vorschuß von 10000 Nuyen zu. Die Gesamtsumme beträgt pro Kopf 25000 und wir haben auch noch einiges Geld auf dem Spesenkonto.
      Dies klingt sicher sehr verlockend aber wie ich schon erwähnte wurden wir schon angegriffen, nur wenige Stunden nach unserer Ankunft!
      Wir sind uns zudem nicht ganz sicher wer unsere Gegner sind.
      Aber erst müssen wir die Wissenslücken schließen.
      Was hat dir Mr Ao bereits für Informationen über den Run gegeben?"
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      Dexter grüßte jedem einzelnen kurz mit einem Kopfnicken zu, als sich die anderen Mitglieder des Teams vorstellten. Dann wandte er sich wieder Lak zu: "Klar, Dexter ist in Ordnung. Vom finanziellen her hört sich die Sache gut an und wie ich euch am besten helfen kann, müssen wir mal sehen.

      Mr. Ao hat mir erzählt, daß eine Tochter aus gutem Hause verschwunden ist, die hier in Hong Kong Bildungsurlaub machen sollte. Der Flieger zurück in die Heimat flog allerdings ohne die Dame los, weswegen unser Auftraggeber Mr. Smith uns beauftragt hat, die Dame wiederzufinden und nach Hause zu bringen. Da bisher keinerlei Lösegeldforderung eingegangen ist, vermutet unser Auftraggeber keine gewöhnliche Entführung. Das sind die Infos, die ich von Ao habe - meine Frage an euch ist: Wie gut kennt ihr Herrn Ao? Ist der Mann vertrauenswürdig?
      "
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      Lucky Lak übermittelt Dexter die Daten und nimmt gleichzeitig sein Kom in das Team-Netzwerk auf.
      „Dann werde ich mal eine Kurzzusammenfassung versuchen.“ So etwas viel Thailänderinnen immer schwer, denn sie lieben ausgeschmückte Geschichten. Aber dank der vielen Jahre Erfahrung als Runnerin bekam sie es ganz gut hin:
      „Wir suchen eine junge Frau, Nicole Smith, die Tochter eines Konzernmanagers aus Seattle. Mr Smith hatte sie zur Fortbildung zu seinem Geschäftsfreund Mr. Chan geschickt. Ao arbeitet ubrigends für Mr Chan. Vorgestern als Nicole zurück nach Seattle fliegen sollte war sie spurlos verschwunden.
      Bemerkenswerter Weise stellte Mr Smith in Seattle sofort ein Runnerteam – uns – zusammen und schickte uns nach Hongkong um nach ihr zu suchen.
      Das ist der erste merkwürdige Punkt: warum ruft Mr Smith nach nicht mal 24 Stunden ein Runnerteam zusammen und warum traut er Mr Chan nicht zu seine Tochter alleine zu finden?“


      Das viele Reden hat Lak durstig gemacht und sie nimmt eine Schluck Wasser. Jetzt könnte sie eine Zigarette vertragen. Warum hab ich vor 3 Jahren bloß mit dem Rauchen aufgehört? Ach ja, schlechtes Karma. Die Geister darf man nicht betrügen.

      Dexter hört ihr weiterhin aufmerksam zu als sie fortfährt:
      „In Hongkong angekommen erfuhren wir von Ao und Mr Chan, dass es keine Lösegeldforderung oder Zeichen einer gewaltsamen Entführung gegeben hat. Nicole war öfter in einem Club namens Virtual Blue gesehen worden. Zusammen mit einer Techno-Gang, den Electric Waves. Mit dem Anführer Yu scheint sie sich gut verstanden zu haben. Ob die beiden ein Liebespaar waren können wir nicht sagen.
      Wir fuhren also zum Club und hängten uns an die Gang. Als sie unserer Beschattung bemerkten flohen sie bis zu einer Spielhalle namens Yamadas Spielpalast.
      Auf dem Weg dorthin worden wir von einem topausgerüsteten Killerkommando angegriffen, das wir zum Glück besiegen konnten. Andernfalls würden wir uns jetzt nicht unterhalten.
      Nun müssen wir unsere Strategie neu überdenken wenn wir heute zu Yamadas Spielpalast fahren.
      Durch einen Freund habe ich erfahren, dass möglicherweise nicht der Gangboss Yu hinter dem Angriff steckt, sondern Tao – seine Nummer Zwei sozusagen. Aber ob nun Yu, Tao oder jemand ganz anderes hinter dem Angriff steckt. Wir müssen vorsichtig sein und dürfen niemandem trauen,"
      beendet Lak ihren Bericht. Dann fällt ihr noch etwas ein.
      "Warum fragtest du nach Mr. Ao?"
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      "Vielen Dank für die Informationen, Lak - das ist schon einiges mehr, als mir Mr. Ao erzählte. Zuerst zu Mr. Ao - wenn ihr nichts dagegen habt, schicke ich euch eine kleine Videospur, die ich kurz nach dem Treffen aufgenommen habe. Urteilt selbst" mit diesen Worten schickt er über das Trodennetz den geistigen Befehl an sein Komlink, die aufgenommene Videospur des Treffens von Ao vor der Tür des Dagang an die Teammitglieder zu senden.

      Er gibt den Runnern einige Zeit, um sich die Aufnahme anzusehen und anzuhören.

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      Croaker schlug mit der flachen Hand auf die Couchlehne.

      Scheiße, ich wusste, dass man dem Kerl nicht trauen kann!

      Okay...bevor wir nen Aufstand deswegen machen, brauchen wir Informationen.
      Wir müssen was in der Hand haben, wir müssen rauskriegen, wer uns in dem Deal hier alles verarscht.

      Also, wo fangen wir am besten an?


      Er spielte noch einmal das Video ab.

      Warte...

      Ist das Aos Wagen?
      Moment mal...kann man das Nummernschild erkennen?
      Hat hier jemand ein Bildbearbeitungsprogramm?
      Wenn die Karre seinen...Geschäftspartnern gehört, könnten wir über die Zulassungsstelle was rauskriegen...
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      Auch wenn er es nicht so offen zeigte wie Croaker, war MIkhail mindestens ebenso verstimmt. Nicht dass so etwas nicht öfters vorkam, aber trotzdem beschwor der Gedanke, dass Ao möglicherweise hinter dem Anschlag von gestern steckte, das Bild des sich windenden und zappelnden Asiaten herauf, um dessen Hals sich seine Cyberhand immer enger und enger klammerte.

      "Wenn Ao wirklich dahintersteckt, dann mach ich Fischfutter aus ihm! Aber bevor wir da übereilt jemanden erledigen, habe ich eine Idee: Wir könnten ja relativ leicht rausfinden, ob er uns verkauft. Sagen wir ihm einfach Bescheid, wann wir uns zu Amadas Palast aufmachen wollen, sind aber schon eher da und wenn pükltlich Leute eintreffen, die uns zum geplanten Zeitpunkt "empfangen" wollen, DANN rede ich mal ein ernstes Wort mit Ao."

      Bei dem letzen Satz ballte der Troll die Fäuste, dass die mechanische Hand leise knackte.

      Dann schenkte er Dexter noch ein Lächeln: "Tja, ich würde sagen willkommen im Irrenhaus!."

      Plötzlich kam ihm noch eine Idee und er wandte sich an Lak: Lak, ich hab da grad noch eine Idee. Mit Matrixsachen kenne ich mich zwar nur so lala aus, aber könnte nicht jemand unseren Van verwanzt haben? Oder die Matrixsignatir kennen? Weil dann könnte man uns ja wahrscheinlich recht einfach verfolgen, oder? Kannst du das vielleicht noch mal eingehend prüfen? Und könnten wir die Kennungen des Vans austauschen? Hat da jemand jemanden an der Hand, der NICHT zufällig Ao heißt?"
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      Dexter hört sich die Reaktionen der anderen Teammitglieder interessiert an und achtet nochmal auf irgendwelche Hinweise innerhalb der Aufnahme, die auf die Identität der Beteiligten hinweisen könnten.

      "In Bezug auf den heutigen Abendausflug - was genau ist denn da geplant und wie kann ich dabei helfen? Wenn noch kein Plan besteht, dann sollten wir uns darauf vorbereiten - besonders wenn wir von vornherein mit eventuellem Verrat und beziehungsweise oder unangenehmen Besuch zu rechnen haben. Haben wir irgendwelche Gebäudepläne oder ähnliches, daß ich mir mal ansehen kann? Oh - und wer ist eigentlich innerhalb des Teams für den Matrixbereich zuständig?"
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      Das Qi ist in Hongkong stets in Bewegung. So kommt die neue Situation zwar unerwartet aber nicht völlig überraschend.
      Das die Farangs ihrem Ärger lautstark und fluchend Luft machen und Drohungen gegen Ao ausstoßen hätte Lak nach ihrer Zeit in Amerika auch nicht überraschen sollen. Aber nun ist es zu spät sie darauf hinzuweisen, dass die Wohnung selbst möglicherweise verwanzt ist. Lak hat zwar keine unbekannten WiFi Signale empfangen, aber das heisst gar nix. Die kleinen Wanzen könnten ja nur aufzeichnen und die Daten erst viel später abschicken.
      Mei pen rai. Die Runner hatten ihr letzte Nacht praktisch das Leben gerettet, da wäre es sehr unhöflich sie zu kritisieren.
      Lak beantwortet zuerst Mikes Frage: „Der Van dürfte kein Problem sein. Ich habe das System gründlich analysiert. Er sendet seine Kennung natürlich an die Verkehrsbehörde. Für den Fall, daß ein Trojaner im System ist habe ich die Firewall angewisen keine Signale aus dem System hinaus zu senden ohne auf die Bestätigung zu warten.
      Wir sollten uns vielleicht dennoch ein neues Fahrzeug besorgen da ja auch die Elektric Waves den Van kennen. Und an besten sollten wir auch umziehen.“


      Lak denkt mit Schaudern an Absteigen wie Dynasty Mansions. Andererseits konnten sie genauso gut in ein luxuriöses Hotel umziehen. Und Pi Nüng kennt sicher auch einen Gebrauchtwagenhändler der keine unnötigen Fragen stellt. Ein alter, billiger Van für ein paar tausend Nuyen würde völlig ausreichen.
      Je weniger komplizierte Elektronik die Karre hat umso sicherer würde sie vor Hackerangriffen sein.

      An Dexter gewandt fährt sie fort. „Ich kann neben den Geistern des Himmles und der Erde auch gut mit den Geistern der Matrix sprechen. Dein Kom wurde schon in unsere PAN-Liste aufgenommen. Ich werde mich gleich mal in die Zulassungsbehörde hacken aber das könnte etwas dauern. Hast du hier in Hongkong nützliche Kontakte? Sonst werde ich einen alten Freund um Hilfe bitten.“
      Dexter schein einen Moment zu überlegen und Lak wendet sich wieder an das restliche Team.
      „Da wir nicht wissen auf welcher Seite Mr Chan und Ao stehen sollten wir nicht mehr mit ihnen kooperieren. Da bin ich ganz eurer Meinung. Ich werde sehen was ich in der Matrix herausfinde. Aber wir sollten uns trotzdem mehr auf unser eigenes Ziel konzentrieren. Die Rettung von Nicole Smith ist wichtiger, als Hinterhalte für Ao zu legen. Es sei denn ihr seid alle anderer Meinung.“
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      Spontan umzukippen schien für Croaker mittlerweile eine Art Hobby zu sein.
      Diesmal erkundete er dabei aber nicht die Umgebung, sondern ließ direkt über dem Tisch ein recht originalgetreues Duplikat seiner Selbst erscheinen.

      Ist nur ne Vorsichtsmaßnahme.
      Abhörsicherheit und so.
      Normale Sensoren können das hier nicht aufzeichnen und astral sieht uns keiner zu.
      Ich bin dafür, dass wir uns andernorts weiter unterhalten, falls die Bude verwanzt ist.
      Nehmt nichts mit, was wir von Ao als Ausrüstung erhalten haben.
      Wenn Ihr damit einverstanden seid, erzählt einfach, wir würden jetzt zur Garküche um die Ecke gehen und dort weiter beratschlagen.

      Wo wir wirklich hingehen, überlegen wir dann, wenn wir hier raus sind.
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      "Hast du hier in Hongkong nützliche Kontakte? Sonst werde ich einen alten Freund um Hilfe bitten.“ fragte ihn Lak und er mußte erstmal nachdenken.

      "Naja, ich habe ein oder zwei Leute, die ich anrufen kann. Der eine kümmert sich um matrixrelevanten Kram, während mein zweiter Kontakt mir bei Besorgungen und neuen Jobs unter die Arme greift. Ich kann letzteren mal fragen in Bezug auf ein Auto und eine andere Bude. Und ansonsten habe ich Hunger, wir könnten kurz was essen gehen, oder?" antwortet er dann, um im letzten Teil seiner Antwort auf den Vorschlag von Croaker einzugehen.
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      Die Idee, dass die Wohnung verwanzt sein könnte, war Azrael auch gerade gekommen, und er hatte nach einer Möglichkeit gegrübelt, es den anderen unauffällig mitzuteilen, als Croaker diese Überlegungen überflüssig machte. Sein Vorschlag, den Aufbruch als bloße Mittagspause zu tarnen, hatte einiges für sich, und ein paar Sekunden später gab ihm Dexter auch noch den passenden Aufhänger für seinen Auftritt.

      Kopfschüttelnd trat der Elf aus dem Türrahmen, in dem er bis gerade gelehnt hatte, schritt langsam durch das Zimmer und untermalte seine Tirade mit recht eindeutigen, unblumigen Gesten.

      "Was essen gehen? Das klingt verdammt nach dem ersten vernünftigen Vorschlag in dieser bescheuerten Diskussion. Ich glaube, Ihr steigert euch alle viel zu sehr rein in Eure komischen Verschwörungstheorien. Als ob wir hier in dem vierten Karl Kombatmage-Film wären, wo sein Runnerteam vom Johnson verraten wird, der wiederum von seinem Konzern, und die Runner sich untereinander auch alle verraten... So ein Bullshit!"

      Er ließ sich sogar zu einer kurzen Kunstpause hinreißen, in der er neben dem Fenster stehen blieb, tief Luft holte und sich kurz zu sammeln schien - was er auch musste, um nicht breit zu grinsen ob der teilweise etwas verblüfften Gesichter seiner Mit-Runner.

      "Ich bin mir sicher, wenn wir erstmal alle was gegessen und uns die Sache noch mal in Ruhe angucken, wird sich das als bloße Aneinanderreihung von Zufällen herausstellen... Diese Typen, die uns angegriffen haben, hielten uns wahrscheinlich bloß für leichte Touri-Beute die geradewegs durch ihre Sandkasten-Kampfzone rollt, und Ao hatte bestimmt bloß noch andere geschäftliche Dinge zu erledigen, die mit uns gar nichts zu tun hatten. Also, lassen wir den Mist und gehen essen. Und danach widmen wir uns wieder unserer Aufgabe..."

      Um seinen scheinbaren Standpunkt zu bekräftigen, legte Azrael die beiden Ingram-Holster, die er während des zweiten, beherrschteren Teils seines Monologs wieder abgeschnallt hatte, geräuschvoll auf den Tisch, dann ging er langsam in Richtung der Tür, als stünde seine Entscheidung unabhängig von den anderen Runnern fest.

      Der Elf war zuversichtlich, für jede mögliche Aufzeichnung oder Abhörmaßnahme eine ausreichend gute Show abgeliefert zu haben. Die anderen Teammitglieder dürften natürlich verstanden haben, was für ein Spiel er gerade gespielt hatte, und vor allem Croaker dürfte das auch deutlich in seiner Aura gesehen haben - seine Emotionen standen in eindeutigem Widerspruch zu dem, was er gerade gesagt hatte. Eigentlich wäre es ihm am liebsten gewesen, direkt mit einer persönlichen Besuchstour bei Ao, Chan und allen anderen beteiligten zu beginnen. Von einer Frau aufs Kreuz gelegt zu werden, konnte angenehme Folgen haben, aber von einem Johnson, Smith oder wie auch immer würde er sich das garantiert nicht gefallen lassen. Nicht noch einmal.
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      Lak beschließt das Theaterstück mit zu spielen: „Ganz meiner Meinung. Mit wem sich der ehrenwerte Mr. Ao in seiner Freizeit trifft ist schließlich seine Privatsache. Und warum eine alte Schrott-Karre, wohlmöglich ohne Klimaanlage kaufen? Mr Chans Van ist ja so bequem. Also lasst uns bald aufbrechen.“

      Sie steckt die Ares Viper in ihren Louis Vuitton-BodyBag und begibt sich zur Tür.
      Während sie, gefolgt von den anderen Runnern die Treppe hinabgeht, öffnet sie in einem AR-Fenster schon die Verbindung zur Verkehrsbehörde. Bald werden wir wissen wer Aos Freunde sind.
      Die Matrix-Adresse ist schnell gefunden. Aber um eine Hintertür ins System zu finden wird sie Zeit brauchen. 3 Minuten oder 3 Stunden genau kann man das nie sagen. Sie startet schon mal ihre Hackersoftware die nach Schwachstellen suchen. Sobald sie eine entdeckt haben würde Lak informiert werden und selbst die Regie übernehmen.

      Als sie im Hinterhof neben dem Van ankommen, dreht sie sich lächelnd zu Croaker um: „Dein Vorschlag mit den Garküchen war keine schlechte Idee. Holen wir uns an der Straße was zu essen. Da gibt’s immer auch Holzbänke zum hinsetzten und in der riesigen Menschenmenge und dem Lärmpegel wird uns kaum jemand astral oder mit Microfonen abhören können.“
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      Mike war anfangs von dem Getue der anderen überrascht, begriff dann aber recht schnell, dass sie nur vorsichtig waren. Der Vorschlag mit dem Essen gefiel ihm aber auf jeden Fall ausgesprochen gut. Die Predator war während Azraels "Auftritt" wieder in ihr Halfter unter der Schulter gewandert, wo sie nur von sehr wachsamen Augen entdeckt werden konnte.

      Leider wollte er sich ja noch um einen neuen fahrbahren Untersatz kümmern. Mit einem wehmütigen Gedanken an gebratenes Hühnchen verließ er die Gruppe, als sie aus dem Haus traten:
      "So ka Leute, geht schon mal vor und schickt mir dann ne Nachricht, wohin es euch verschlagen hat. Ich habe da in der Nähe einen vertrauenserweckenden Laden ausgemacht." Mike deutete auf den Van, um das Thema nicht direkt ansprechen zu müssen.

      Nur ein paar Minuten später schritt er die Nathan Road entlang, den Hinweisen seines Komms folgend. Die Stadt wirkte, besonders für eine Troll hier besonders dicht gedrängt, auch wenn er sich problemlos einen Weg durch die Massen an Leuten bahnen konnte, die einem Ameisenvolk glichen - völlig chaotisch und doch irgendwie geordnet kamen alle an ihr Ziel.

      Eine Chinesin, die Mikhail auf Mitte dreißig schätzte, führte das kleine Geschäft, dass von außen winzig wirkte, wie es zwischen die anderen Häuser gequetscht war. Sie begrüßte ihn und verwies ihn dann auf einen chinesischen Ork, der mit ihm tiefer in den Laden ging. Es stellte sich heraus, dass hinter den Häuserschluchten noch irgendwo eine Halle stehen musste, denn im Gegensatz zum winzigen Geschäftsbereich gelangten sie bald in eine recht geräumige Halle, in der fast zwei Dutzend Wagen standen. Der Großteil waren Vans oder Kleintransporter, die auch für Trolle geeignet schienen. Mr. Xin zeigte ihm das Angebot, holte dann jedoch seine Chefin, als Mike nach dem Preis eines 65'er Toyotas fragte, der in gutem Zustand zu sein schien und Platz für alle bot.
      Sofort kam die Frau angeeilt und es entspann sich ein hartes Feilschen, bei dem die Chinesin einiges an Geschick bewies. Sie wechselte immer wieder überraschend das Thema, wenn Mike zu schnell den Preis drücken wollte und ließ sich auch von seiner imposanten Statur nicht einschüchtern.
      Nach fast 10 Minuten des harten Ringens einigen sich beide auf 8500 Nuyen, worauf die Frau wieder ihrem Angestellten das Feld überließ.
      Der Ork weist Mike in die Extras und Funktionen des Vans ein und nimmt den Wagen sogar noch einmal auf die Hebebühne, um zu demonstrieren, dass der Van in tadellosem Zustand ist.
      Nach einer kurzen Verifikation seine (falschen) SIN überweist Mikhail die Kaufsumme und fährt dann den neuen Wagen in eine Seitenstraße in der Nähe ihrer Unterkunft.

      Einige Penner beobachten das Fahrzeug neugierig beim Parken, aber nachdem Mike ausgestiegen und eine Coladose zu einem winzigen Würfel zerquetscht und ihnen zugeworfen hat - begleitet von einem grimmigen Blick - ist der Troll sehr zuversichtllich, dass sich niemand dem Fahrzeug nähern wird.

      Ein kurzer Check seiner Nachrichten führt ihn dann nach einem kurzen Fußmarsch zu einer Garküche in der Nähe, wo die anderen einen Tisch mit Beschlag belegt haben und ihm sogar schon eine Trollportion Nudeln mit Hühnchen (na ja, oder zumindest Zeug was so ähnlich schmeckt) mitgebracht haben.
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      Erneut zieht Croakers Astraler Leib über das verwinkelte Gassenlabyrinth Yau Tsim Mongs hinweg und wieder spürt er deutlich den schleichenden Übergang zu Kowloon hin. Aus dem bunten, fließenden Licht der geschäftigen Straßen Mong Koks gelangt er in den düsteren urbanen Dschungel der Hong Konger Slums. Mehrmals muss er innehalten, um sich an den Weg zu Yamadas Spielpalast zu erinnern, denn die heruntergekommenen Fassaden der dicht beieinander gedrängten Gebäude sind für ihn nur einziger schwarzer Fleck. Dann sieht er plötzlich rotes Licht. Langsam gleitet er über die Dächer einiger alter Lagerhallen hinweg und erkennt den großen leeren Parkplatz vor Yamadas Spielpalast wieder, über den sich unheimlich das blutrote Licht der großen Neonreklame über dem grauen Betonklotz der Spielhalle ergießt.
      Diesmal scheint der Platz noch leerer als beim letzten Mal. Sein Astralkörper schwebt näher an die Spielhalle heran, aus der ein chaotischer, unidentifizierbarer Klagteppich in die Stille des Parkplatzes hinaus gleitet. Er schaut sich um und sieht eine einzelne Aura nahe der Stufen vor dem imposanten Gebäudekomplex. Als er sich die Aura genauer anschaut stellt er fest, dass es Miu ist, ein Mitglied der Electric Waves aus dem engeren Dunstkreis des Anführers Yu. Sie hockt rauchend neben einem schnittigen Motorrad, das von der Form her jenes sein könnte, mit dem sie auch schon Yu beim Virtual Blue abgeholt hatte, und führt einen frustrierten Monolog.

      "Wie soll ich bloß dieses Rennen gewinnen, wenn Yu einfach nichts mehr auf die Reihe kriegt wegen dieser ganzen Geschichte... Ich hätte die Teile für meine Maschine schon längst einbauen können, aber nein, unser erhabener Anführer hat anderes im Kopf... Drek... (dann einige Flüche, die Croaker nicht verstehen kann, vermutlich irgendein Tech-Slang)"

      Dabei tritt sie wütend gegen das auf dem Boden ausgebreitete Werkzeug.
      Um auf nun mal sicher zu gehen, nähert sich Croaker schließlich der Lagerhalle und taucht ein in ein Meer aus Zigarettenrauch, Laserlicht und emotionalen Extremen. Ziwschen dem Grau endloser Reihen aus Spielautomaten und einem ständig wandelbaren Laserlichtgewitter wird er von den auf und ab schwellenden Gefühlen aus Euphorie, Niedergeschlagenheit und Kämpfergeist fast überrollt. Er stockt, kann nicht weiter und es hätte auch keinen Sinn hier drin eine einzelne Aura ausfindig machen zu wollen. Also kehrt er vorerst wieder zurück, um Bericht zu erstatten.

      Kowloon hat sich nicht verändert. Das einzige Licht um euch herum stammt von euren Fahrzeugen. Hin und wieder sieht man eine Silhouette an den Straßenrändern vorbei huschen, doch die meisten Squatter haben längst Schutz innerhalb der alten, zerfallenen Gebäude gesucht. Ihr seid alle wachsam und eure Angespanntheit steigt, je tiefer ihr in die Schatten Kowloons vordringt. Die Zeit vergeht nur quälend langsam und es kommt euch vor, als wäret ihr schon seit einer Ewigkeit in diesen dreckigen, trostlosen Straßen unterwegs, die das Leid ihrer Bewohner wie Mahnmale verkünden. Doch nichts geschieht, niemand greift euch an, oder fällt euch in dne Rücken. Alles scheint still, unheimlich still.
      Dann könnt ihr im Scheinwerferlicht die Fassaden alter Lagerhäuser vor euch erkennen. Croaker vermutet, dass es jene hinter dem Parkplatz vor der Spielhalle sind, und seine Vermutung bewahrheitet sich, als ihr die Fahrzeuge vor einer Gasse stoppt, welche direkt auf den großen düsteren Platz mündet. Von hier aus müsst ihr zu Fuß weiter, denn durch die engen Gassen zwischen den Lagerhallen könnte nur ein Motorrad gelangen.
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      Du kennst Dich nicht zufällig mit Motorrädern aus, Az?

      meinte Croaker, an Azrael gewandt.

      Könntest jetzt Deine Fähigkeiten als guter Zuhörer unter Beweis stellen.
      Unser Gangmitglied da vorne hat da momentan Bedarf, glaube ich.
      Am besten gehst Du alleine, wenn wir da zu fünft anrücken, kommt das vieleicht etwas...einschüchternd rüber.
      Der Rest bleibt am Besten in der Nähe und kann Rückendeckung leisten.
      Wir sollten auch herausfinden, wo die Waves ihre Motorräder stehen haben. So, wie die Gassen hier aufgebaut sind, können wir sie nicht vernünftig verfolgen, wenn sie abhauen wollen, die müssen wir vorher abfangen.
      Und ich würde auch gerne rauskriegen, ob es hier Hinterausgänge gibt, die wir im Auge behalten müssen.